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Die nächsten Termine

Ursula Macht

Die tödliche Infektion

Opa Franz war unglücklich. Nicht, dass er einen richtigen Grund gehabt hätte: Er war sein Leben lang fleißig gewesen, hatte mit seiner lieben Frau gemeinsam drei Kinder groß gezogen, eine Firma gegründet und erfolgreich an seinen Sohn weiter gegeben, hatte ein Haus gebaut und lebte nun dort in Sicherheit und Ruhe. Doch glücklich – nein, glücklich war er nicht.

Von Kindesbeinen auf hieß es: Sitz‘ nicht rum, mach‘ Dich nützlich! Ohne Fleiß kein Preis! Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen! Wer rastet, der rostet! Müßiggang ist aller Laster Anfang!

Und Franz hatte es beherzigt. Es war ihm zur zweiten Natur geworden, ununterbrochen beschäftigt zu sein. Nun, da er alt und nicht mehr ganz gesund war, hätte er die Früchte seiner Arbeit genießen, sein Leben mit Dingen verbringen können, die er immer schon tun wollte: Reisen vielleicht, Lesen, Filme schauen, Musik hören, mehr Mußezeit mit seiner lieben Oma Liese verbringen… Nun gut, sein handwerklicher Beruf gab ihm die Möglichkeit, allerlei nette Sachen anzufertigen, für die Kinder oder zur eigenen Freude. Und dann war da ja noch der Garten: Immer schon hatte er sie weitgehend ernährt, jetzt galt ihm ihrer beider ganze Liebe. Stolz waren sie, wenn die Ernte wieder groß war, wenn Familie, Nachbarn und Freunde staunten über den essbaren Schatz. Sogar einen Teich hatte er angelegt, für die Hühner einen tollen Stall mit überdachtem Auslauf und ein großes Gehege gebaut. Auf der Wiese stand eine Bank. Doch nur selten saßen sie beide darauf - hatten sie doch all‘ die Sprüche von früher im Ohr. Auch wenn der Arzt immer wieder mahnte: „Gönnen Sie sich mehr Ruhe!“ - Opa Franz konnte es nicht. Auch Oma Liese, seine Frau fühlte sich schlecht, wenn sie untätig herum saß. Nur konnte sie sich im Haushalt immer auch mit Kleinigkeiten beschäftigen, immer gab es was zu wischen, zu flicken, zu fegen, zu kochen, backen, braten…

Opa Franz liebte die Geräusche seiner Maschinen, sie gaben ihm die Sicherheit, etwas Nützliches zu tun. Irgendwann jedoch war alles repariert, gebaut, fertig.

Da fiel ihm eines Morgens beim Rasieren auf, wie schön doch das Summen des Apparates war, wie glatt sich die Haut danach anfühlte. Und er bekam Lust, diese Freude öfter zu spüren. Aus seiner Morgenzeitung purzelte ein Prospekt des Baumarktes, mit wunderbar glatten Rasenflächen und stolzen Maschinen, die genau das konnten: Einen glatten, grünen Teppich aus seiner Wiese machen. Schon am nächsten Tag fuhr er los, um sich die Wundermaschinen anzusehen. Der Verkäufer erklärte ihm einen Traktor nach dem anderen. Schließlich entschied er sich für einen, dessen starker Motor ihm ein Gefühl von Kraft verlieh, wenn er darauf saß und ihn unter sich vibrieren spürte. Als er stolz das erste Mal im Garten seine Runden zog, beklagte sich Oma Liese über den Lärm – nicht einen geräuscharmen, sondern einen besonders lauten Traktor hatte Franz gekauft. Doch er selbst hörte es kaum, trug er doch den zum Gerät gelieferten Gehörschutz. Nun wurde das Leben wieder spannend und bunt! Er übte fast täglich mit seinem neuen Trecker, bis er jede Wendung, jede Kehre perfekt beherrschte. Durch jede Lücke zwängte er sich, um jeden Baum, jeden Strauch zog er immer engere Kurven. Zu Anfang war er damit zufrieden, einmal im Monat seine Wiese zu scheren. Nach vier Wochen tauchten wieder die ersten Blumen im glatten Grün auf. Das gefiel vor allem seiner Frau, die wieder die alten schönen Volkslieder sang - aber ihm auch, zumindest anfangs. Mit der Zeit jedoch fühlte er sich gestört, zumal ihm immer wieder die Prospekte mit den glatten grünen Flächen in die Hand fielen, bis er glaubte, nur so und nicht anders dürfe eine ordentliche Wiese aussehen.

Da begann er, immer öfter seinen Traktor zu besteigen. Irgendwann gaben die wilden Blumen auf. Bienen, Hummeln und Schmetterlinge verschwanden, kein Vogel weckte sie morgens mit seinem Gezwitscher. Der perfekte Golfrasen war die Wiese dennoch nicht, immer mehr Moosflächen zeigten sich. Nun kaufte Franz Dünger im Baumarkt, einen Vertikutierzusatz für seinen Trecker und fuhr noch häufiger über den Rasen, als vorher. Nachts träumte er schlecht, sah überall braune Flecken. Er rodete Bäume und Sträucher, von denen er glaubte, sie würden zu viel Schatten werfen. Die glattgrüne Rasenfläche und vor allem seine große Maschine waren zu seinem Lebensinhalt geworden, ständig überlegte er, was er noch mit ihr erledigen könnte. Täglich ratterte nun der Traktor durch den Garten, so fiel das Verstummen der wilden Tiere – Insekten, Vögel, Frösche, Unken - kaum auf. Nur morgens und abends wunderte sich vor allem Oma Liese, wo all das Gesumme, Gebrumme, Gezwitscher und Gequake wohl geblieben sein könnte?

Das Traktorgeräusch war ansteckend, deshalb hatten inzwischen alle Nachbarn auch so eine Maschine und taten es Franz gleich. Es entstand ein regelrechter Wettbewerb, verbissen saßen alle auf ihren Treckern und versuchten, den Nachbarn in der Kunst des Rasenmähens zu übertreffen.

Auch die öffentlichen Wiesen im Dorf mussten so kurz gemäht werden, dass auf keinen Fall mehr auch nur ein Gänseblümchen anfangen konnte zu blühen. Stolz zeigten die Bewohner den Gästen ihr ordentliches Dorf. Doch die Stadtmenschen erschraken: „Wo sind wir denn hier? Sind wir nicht gerade aus der Stadt mit ihrem Krach und Motorenlärm und ihrer zubetonierten Natur geflüchtet, um wenigstens am Wochenende oder im Urlaub etwas Anderes zu erleben? Blühende Wiesen, Schmetterlinge, Bienen, Hummeln, Käfer und Vögel, viele Vögel?“ Traurig fuhren sie wieder nach Hause in ihre laute Stadt. Als sie unterwegs beim Imker nachfragten, ob er ihnen noch ein Glas Honig verkaufen könnte, zuckte der resigniert die Schultern: „In unserem Dorf finden die Bienen keine Blüten mehr, die sie kennen und bestäuben können. Die Zierpflanzen aus dem Baumarkt nützen ihnen nichts. Ich muss sie schon jetzt im August mit Zucker füttern, wer weiß, ob sie den Winter überleben!“ Auch Obst konnten sie nirgends bekommen, denn im Frühling waren schon viel zu wenige bestäubende Insekten durch die Gärten geflogen. Und der Sommer war sehr nass, ständig regnete es, Sturzfluten schossen vom Himmel und überschwemmten Straßen und Gärten. Der Rasenschnitt musste schleunigst zum Recyclinghof gebracht werden, damit er nicht auf der Fläche faulte. Bald bildete sich eine lange Schlange vor der Abfallentsorgung, die anstehenden Männer murrten und schimpften, als sie lesen mussten: „Wegen Erreichung der Kapazitätsgrenze geschlossen!“ Fast alle waren Rentner, aber sie befürchteten, keine Zeit zu haben - man konnte dem Gras geradezu beim Wachsen zuschauen, was, wenn es ihnen über den Kopf wüchse?

Solche Gedanken plagten auch Opa Franz, sie ließen ihn bald gar nicht mehr schlafen. Selbst im Hühnergehege und in seinem kleinen Wald mähte er jetzt, aus Angst, der Sache nicht mehr Herr zu werden, die Kontrolle zu verlieren.

Eines Tages machte sein Herz nicht mehr mit, der Arzt musste gerufen werden. Nachdem er Opa Franz untersucht und seinen Kreislauf stabilisiert hatte, schlief dieser erschöpft ein. Draußen fragte ihn Oma Liese ängstlich nach der Diagnose – sie konnte sich ein Leben ohne ihren Franz nicht vorstellen. Doch der Arzt gab keine Entwarnung. „Die Krankheit Ihres Mannes ist hoch ansteckend und akut lebensbedrohlich. Sie gehört zu den in den letzten Jahren neu aufgetretenen Zivilisationskrankheiten und heißt Rasenmäheritis. Ihr Mann hatte nochmal Glück, aber wenn er die Maschine nicht bald stehenlässt oder besser noch verschrottet, wird es auch mit ihm bald vorbei sein. In den letzten 4 Wochen konnte ich bei 7 Männern – alle etwa im Alter Ihres Mannes – nur noch den Tod feststellen.“ Oma Liese erschrak zutiefst, versuchte aber, sich nichts anmerken zu lassen. „Herr Doktor, gibt es denn keine Medikamente, die das Schlimmste abwenden könnten?“ fragte sie. „So leid es mir tut, aber so weit ist die Forschung noch nicht. Wir können nur die Folgeschäden etwas mildern, das ändert aber nichts an dem tödlichen Potential der Krankheit.“

Die nächsten Stunden verbrachte Oma Liese am Bett ihres schlafenden Mannes. Unaufhörlich drehten sich die Gedanken in ihrem Kopf, doch sie fand keine Lösung. Schließlich nickte sie auf ihrem Stuhl ein. Da träumte ihr, sie erwache auf einer wunderbaren grünen Wiese, einer Waldlichtung. Um sie herum blühten tausende Blumen in allen Farben, die vielfältigsten Gräser reckten ihre Stängel ins Licht und es summte, brummte und zwitscherte um sie herum, dass es eine Freude war. Schmetterlinge, Bienen und Hummeln taumelten von Blüte zu Blüte, hoch oben im Sonnenglast sang die Lerche und im nahen Waldsee spiegelten sich die Sonnenstrahlen, das Froschquaken übertönte fast den vielstimmigen Gesang der Vögel. „Wo bin ich hier? So etwas Schönes habe ich ja schon ewig nicht mehr erlebt!“ waren ihre ersten Gedanken. Da hörte sie eine Stimme, zart wie Windgeflüster: „In meinem Reich bist Du, sei willkommen!“ „Aber wer bist Du denn, ich sehe Dich nicht?“ fragte Oma Liese erstaunt. „Ich bin die Herrin dieses Waldes, Du kannst mich nur sehen, wenn Du wie damals als Kind die blaue Blume vor Dir anschaust.“ Tatsächlich – in der schönen blauen Blumenglocke vor ihr saß eine winzige Fee. Sie trug ein zart rosa Kleidchen, einen weißen Sonnenschirm und glänzende goldene Locken, die über ihre glitzernden, durchsichtigen Flügelchen fielen. „Aber Dich gibt es doch gar nicht!“ rief Oma Liese empört aus und erwachte, weil sie mit dem Kopf auf dem Nachttisch aufgeschlagen war. Als sie in die Küche ging, um ihre Beule zu kühlen, wollte ihr der seltsame Traum nicht aus dem Kopf. „All diese Schönheit verwandelt Franz tagein tagaus in matschigen Rasenschnitt, alle die Tiere, vielleicht sogar die kleine Fee?“ dachte sie. Noch einmal sah sie nach ihrem endlich friedlich schlafenden Mann, zog sich aus und legte sich neben ihn. Es war schon sehr spät geworden, sie schlief trotz ihrer Gedanken schnell ein und träumte diesmal nichts.

Am nächsten Morgen beim Frühstück sagte ihr Mann: „Es hat wieder geregnet heute Nacht, ich muss mähen.“ Oma Liese war es gewohnt, ihrem Mann nie direkt zu widersprechen, sondern selbst bei einer völlig anderen Meinung den Weg der Diplomatie und des Kompromisses zu gehen. Heute jedoch raffte sie sich zu einer ungeheuren Tat auf. „Nein.“ sagte sie. Nichts weiter - nur „Nein.“ Opa Franz sah verblüfft von seiner Zeitung auf: „Was sagst Du da?“ „Nein!“ „Hat das der Arzt gesagt?“ „Nein, das sage ich. Weil ich Dich behalten möchte, und weil ich wieder Blumen und Bienen und Schmetterlinge sehen, Vögel hören möchte! Oder willst Du etwa im nächsten Jahr mit Töpfchen und Pinsel auf die Obstbäume klettern, um sie zu bestäuben, wie es die Chinesen schon machen müssen, weil sie keine Bienen mehr haben?“ Opa Franz antwortete nicht, vergrub sich hinter seiner Zeitung und dachte: „Red‘ Du nur, ich mache ja doch, was ich will!“ Als Oma Liese das Geschirr gespült hatte, ging sie aus der Küche, verschloss die Vordertür, nahm das Telefon mit in den Garten und schloss auch die Terrassentür zu, damit ihr Mann nicht mehr hinaus konnte. Im Garten rief sie ihre Freundin an und erzählte ihr von dem Traum. Die litt bereits einige Zeit heftig unter den Folgen der Rasenmäheritis, die auch ihren Sohn befallen hatte. Schnell war klar, dass sie sich mit den anderen Frauen des Dorfes zusammentun mussten, um dem Unheil Einhalt zu gebieten. Erstaunlich war nämlich bei dieser Krankheit, dass sie vornehmlich Männer befiel, Frauen waren nur selten betroffen. Schnell verabredeten sie sich für den Nachmittag des folgenden Tages zum „Kaffeekränzchen“ in der Gaststätte, um keinen Verdacht zu erregen und legten fest, wer welche der Dorffrauen informieren sollte. Dann ging Oma Liese wieder ins Haus, wo ihr Mann inzwischen bemerkt hatte, dass er eingeschlossen war. Doch bevor er sie wütend anfahren konnte, bat sie ihn wegen ihrer „Schusseligkeit“ um Entschuldigung. Gleichzeitig erklärte sie, unbedingt in die Stadt zu müssen, um einzukaufen. Da der Arzt eine Überweisung zu weiteren Untersuchungen im Krankenhaus geschrieben hatte, schlug sie Opa Franz vor, das gleich mit zu erledigen. Dazu konnte er schlecht Nein sagen.

Am nächsten Tag trafen sich die Dorffrauen zum „Klönen“ im Dorfkrug. Jede klagte ihr Leid und erzählte von ihrer Angst um die Gesundheit ihrer Lieben, die keinen anderen Lebensinhalt mehr kannten, als das Rasenmähen. Da war nun guter Rat teuer, bis die Wirtin – die bislang eine der größten Verfechterinnen des Mähens gewesen war, damit ihre Gäste ein ordentliches Dorf vorfänden – das Wort ergriff. „Mädels, so geht das nicht weiter. Ich habe inzwischen kaum noch Gäste von außerhalb, weil die ganz was anderes wollen, als ein kahlgeschorenes Dorf. Die wollen wirklich Natur sehen, weil sie davon in der Stadt immer weniger haben. Aber was machen wir nun mit den vielen Rasentreckern? Wenn die nicht jede Woche im Einsatz sind, verrosten sie!“

Da stand eine Frau auf, die noch nicht lange im Ort wohnte und deshalb noch nichts gesagt hatte. „Wie wäre es, wenn es im ganzen Dorf nur noch 3 oder 4 davon gäbe, die reihum ausgeliehen würden? Dann wächst keinem was über den Kopf, und die Natur kann sich trotzdem wieder erholen, weil die Wiesen dann nur noch alle 4-6 Wochen gemäht werden. Obendrein sparen alle Geld, die Leihgeber bekommen von allen Nutzern einen kleinen Obolus für die Reparaturen und den Sprit, die anderen können ihre Trecker verkaufen. Und gemäht werden künftig nur noch die Flächen, die wie Sport- oder Spielplatz begehbar gehalten werden müssen und die Straßenränder, so etwa 1 m breit an jeder Seite. Der Rest verwandelt sich dann in Wildbiotope, die nicht nur schön aussehen, sondern auch gut riechen und uns die Tiere zurückbringen. Im Dorf wird es ruhiger und die Männer kippen uns nicht mehr aus den Latschen!“ Beifälliges Nicken war die einhellige Antwort. Aber wie konnte man die Männer vom Bazillus des Rasenmähens befreien? „Ganz einfach: Wir sorgen dafür, dass niemand mehr einen Prospekt oder Katalog mit solchen Rasenflächen in die Hand bekommt!“

Und so geschah es. An jedem Eingang des Dorfes steht jetzt eine große Tafel: „Baumarktwerbung verboten, Zuwiderhandlungen werden strafrechtlich verfolgt!“ Die Männer haben sich nach anfänglichem Murren damit abgefunden, als sie begriffen, dass alle Frauen im Dorf sich einig waren. Nur untereinander gibt es manchmal noch etwas Gerangel, wer denn als nächster wieder Trecker fahren darf. Doch diese kleinen Rangeleien sind abends beim Bierchen schnell wieder vergessen. Und das Schönste: Seit dieser Zeit ist keiner mehr an der Rasenmäheritis gestorben.

Flieth, 20. August 2017

 

 

Dieter Halbach

Der mittlere Weg

Für eine Politik ohne Feindbilder

Gibt es einen mittleren Weg in Zeiten der zunehmenden Polarisierung? Zu Zeiten des historischen Buddha wurden in den religiösen Schulen extreme Formen von Askese praktiziert. Buddha selbst ist dabei an die Grenze zur Selbstzerstörung gestoßen. In einem Gleichnis erzählt er, wie er am Ufer eines Flusses meditierte, als er die Klänge einer Laute hörte. Ihr Ton war schlaff. Daraufhin versuchte jemand die Saite zu spannen, doch dabei riss die Saite. In diesem Moment wurde Buddha die Bedeutung des Mittleren Weges bewusst. Nur wenn eine Saite die richtige Spannung zwischen den Extremen hat, kann sie einen schönen Klang erzeugen.

Der Mönch Ajahn Chah sagt dazu: „Es gibt zwei Seiten, aber die Leute neigen dazu, auf der einen Seite zu gehen oder auf der anderen. Wenn da Liebe ist, gehen wir auf dem Pfad der Liebe. Wenn da Hass ist, dann gehen wir auf dem Pfad des Hasses. Da ist selten jemand, der in der Mitte geht. Es ist ein einsamer Pfad.“

Was bedeutet das in einer Zeit, in der die Extreme zunehmen? Kann es einen Mittleren Weg in der politischen Kultur geben? Ich sehe vor mir das Bild, wie buddhistische Mönche sich in der Debattierkunst üben. Sie tragen vehement ihre Argument vor und gleichzeitig halten sie mit ihren Händen ständig die aufsteigenden Geister der Besserwisserei nach unten. Das erste wäre also eine innere Disziplin der bewussten Sprache und der Gedanken. Das zweite wäre die Diziplin der Kommunikation, der Übung des Zuhörens und der Einfühlung.

Zuhören im postfaktischen Zeitalter.

Auch das faktisch genaue Zuhören hat einen großen Wert im postfaktischen Zeitalter. Mit ihm beginnt der Ausstieg aus der eigenen Blase. Im besten Fall kann ein kreativer Dialog entstehen, aus dem beide verändert hervorgehen. Wo aber sind die heutigen „Buddhas“ in der politischen Auseinandersetzung? Es ist Zeit aufzuwachen! Raus aus den alternativen Ghettos, dahin wo es weh tut.

Dieter Nuhr sagte bei seinem satirischen Jahresrückblick 2016:

„Die Mitte, das ist heute nicht mehr der bequeme Ort für Spießer. In der Mitte ist man heute zwischen den Stühlen, das ist viel mühsamer als vorgefertigte ideologische Parolen in die Runde zu werfen. Und wenn sich der pöbelnde Mainstream an den Rändern sammelt, dann müssen sich die Vernunftbegabten wohl oder übel in der Mitte treffen, die bei uns oft so gerne verachtet wird. Da, wo alles eben nicht so einfach ist, weil man von da aus nach beiden Seiten sieht und mühsam abwägen muss.“ Das wäre ein großes kulturell-politisches Projekt für das Jahr 2017.

Erstveröffentlichung als Oya-Kolummne, Winter 2016 (www.oya-online.de)


Alicia Hamm

2017: DIE KRAFT UND MACHT DER VISIONEN

Um etwas in unserem Leben wahr werden zu lassen und manifestieren zu können, müssen wir es sehen.

Daher die Wichtigkeit des Traumes, der Visionen und dessen, was wir uns vorstellen.
Die Bedeutung des Traumes ist eine Botschaft der Seele, des Unbewussten, dessen, was das Gehirn nicht wahrnimmt, auch wenn es für unser Leben wichtig sein könnte. Sie bringt uns Antworten, Warnungen oder Ratschläge, vervollständigt unseren Prozess und die bewusste Suche.
Aber Tag-Träumen ist auch wichtig, weil es dem Geist ermöglicht durch noch nicht manifestierte Dimensionen zu wandern, um den Traum der Realität näher zu bringen.

Der menschliche Geist ist nicht in der Lage, das total Unmögliche zu sehen, er verwendet bekannte Bilder, auf ungewöhnliche Weise gemischt, so wie Leonardo die Flügel der Vögel benutzte, um seine Erfindungen in seinem Traum vom Fliegen zu illustrieren: unmöglich damals, Realität heute.

DIE VISIONEN

Allerdings funktionieren die Visionen anders.
In den Visionen vermengt sich kollektives Denken mit den Gedanken des Einzelnen, der natürliche Geist mit dem Übernatürlichen, das Diesseits mit dem Jenseits...

Die Vision transzendiert Zeit und Raum, aber wenn sie sich vermischt mit den Gedanken des Einzelnen und dem kollektiven Denken verformt und verschleiert sie sich.

Wir sehen es in den Filmen über die Zukunft, die mit Visionen der Zerstörung und Bedrohung gefüllt werden, sie sind die Manifestation der Angst der Menschen. Es werden keine Filme von Glück, Schönheit, Gesundheit und dem perfekten Paradies auf Erden gemacht, weil die kollektiven Träume diese Dimension noch nicht erreichen.
Sie träumen von Superhelden mit Superkräften, aber diese Helden benutzen ihre Superkräfte, um in immer den gleichen Konflikten zu kämpfen: Macht, Unterdrückung, Ungerechtigkeit, Gewalt ... Sie geben die Realität wieder, die sie sehen und projizieren sie in die Zukunft; sie reproduzieren, was sie fürchten, was sie nicht wollen.

Aber - was wollen sie?
Was wollen sie sehen?
Wer ist fähig, die Tür zum Licht offen zu sehen?
Wer ist in der Lage, das Paradies auf Erden zu visionieren?
Erinnern wir uns, dass das Wort Paradies aus dem Griechischen und Persischen kommt und das Wort "Garten" mit dem Wort "erschaffen" verbindet.
Wer in der Lage ist es sehen zu können, wird in der Lage sein es zu erleben. Hier und jetzt.

Das ist die Macht der Visionen, wenn wir sie sehen und an sie glauben.

Aber wer kann ein nicht bedrohtes Paradies sehen? Wer ist frei von Angst?
Im vergangenen Jahr hatten wir die Frage des absoluten Vertrauens. Lassen wir uns aus dem Vertrauen an unseren Visionen arbeiten.
Wir kennen die Macht des Gebets, aber beten wir ohne Angst?
Beten wir im Bewusstsein des Mangels dessen, worum wir bitten, oder tun wir es in der Freude des Empfangens?

Beleuchten wir unseren Schatten mit dem Licht der Wahrheit, einfacher Aufrichtigkeit.
Denken wir daran: der Schatten ist die Form (ein nicht-durchlässiger oder transparenter Körper, der sich in den Weg des Lichts stellt und einen Schatten in der Form seiner Figur wirft).

Lasst uns nicht immer wieder die gleiche Form reproduzieren.

Arbeiten wir mit der Vergebung, um keine Angst vor der Strafe zu haben, um keine Angst vor uns selbst zu haben.

Reinigen wir uns von Furcht, um unser Glück sehen zu können.
Wenn wir unsere Visionen verbessern, werden wir auch besser.

Erlauben wir uns, Mutter Erde als unseren Garten und unser Leben als etwas zum Feiern zu sehen.

Wenn wir uns eine Welt des Friedens und der Liebe vorstellen können, dann wird das möglich sein.


Alicia Hamm

2016: ABSOLUTES VERTRAUEN

Was heisst “Absolutes Vertrauen”?

 

Was haben wir gelernt in den letzten Jahrzehnten

 

über die Kraft der Gedanken, über die Macht der

 

Worte, über unsere Fähigkeit unsere Realität zu

 

manifestieren, die Realisierung unserer Wünsche,

unsere geistige Kraft und Macht?

 

Die Kraft und Macht des Gebets...

 

Die Konsequenz ist, dass “meine” Realität so wird, wie

ich denke und fühle, wie ich sage und tue, wie ich

handle und wie meine innere Haltung ist.

 

Die Innenwelt wird nach außen projiziert, und diese

Projektion wird dann für die Realität gehalten.

 

Die Welt ist unser Spiegel.

 

Wir leben in einem Spiegelraum wie in einer Luftblase

und wir halten das Bild, das wir in diesem Spiegel

reflektiert sehen, für die allgemeine Realität.

 

Wenn wir aber uns selbst reflektieren, indem wir in

unsere Stille nach innen schauen... Dann wird die

Luftblase durchsichtig, wir werden transparent, wir

blicken durch... und sehen die Wirklichkeit.

 

So erkennen wir, wer und was vor uns steht.

 

Das geschieht durch Ehrlichkeit.

 

Hier hilft “nicht urteilen”, denn das erlaubt, tief hinein

zu blicken in Mitgefühl und Selbstverzeihen.

 

Selbstversöhnung bringt Heilung und das erzeugt

großes Verständnis und Dankbarkeit, auch für die

eigenen Fehler, denn dank dieser Fehler sind wir

fähig, andere zu verstehen und zu verzeihen.

 

Trauere nicht um das Wasser, das dir durch die Finger

weg rennt...

Sondern wundere dich, woher das Wasser ständig

weiter zu dir fließt...

Wenn du schaust, wie es weg rennt fürchtest du, es

könnte für immer verloren sein oder zu Ende gehen...

Wenn du aber dich wunderst, dass es immer noch

weiter zu dir fließt und schaust, woher es kommt:

Dann entdeckst du den Brunnen!

 

Die Zeit ist wie das Wasser.

 

Urvertrauen ist wie die Ewigkeit.

 

Verschonen wir die Welt und unsere Mutter Erde mit

unseren negativen, angsterfüllten Projektionen.

Fangen wir an, das Paradies in unserer eigenen

Luftblase zu erschaffen.

 

Kleine Biotope, kleine Oasen, in welchen sich die

Atmosphäre reinigt.

 

Die Luftblase um uns herum ist unsere Aura, die

Ausstrahlung der Seele, des Herzens und der

Gedanken.

 

Lass' den inneren Frieden in uns wohnen und ihn

nach außen projizieren...

 

So können wir dann endlich den Frieden auf Erden

bringen.

 

Es mag uns wundern, dass in so einer langen

Menschheits- Geschichte wir noch nie Frieden auf der

ganzen Erde hatten.

 

Es sollte uns noch mehr wundern, dass wir immer

noch da sind.

 

Uns ist sehr geholfen worden, wir haben so viel

überlebt...

 

Wir sind geliebte Kinder.

 

ABSOLUTES URVERTRAUEN

 

 


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